Als ich heute Morgen die ZEIT aufschlug und einen Bericht über Syrien suchte, erwartete mich mit folgender Überschrift: „Ich grüße meine Mama“ ein Artikel über das syrische Staatsfernsehen. Bevor ich also selbst mir ein Bild machen, eine Meinung bilden konnte wurde ich eingenommen durch einen Titel, der selbiges Fernsehen als lächerlich darstellt. Vielen Dank liebe ZEIT, dass ich beim Lesen gar nicht mehr nachdenken muss. Da hätte ich mir auch gleich die BILD-Zeitung zu Gemüte führen können, die ist wenigstens nicht so dick.
Es geht hier keinesfalls um die Annehmbarkeit eines tendenziösen Staatsfernsehens – wie auch immer, ich habe es selbst noch nicht verfolgt; sondern um die entobjektivierte Medienberichterstattung, die mir zumindest im Syrienkonflikt sehr ins Auge, zum Teil auch in die Magengegend, sticht.
Immer nur höre ich von den Rebellen, Regime und Russen. Und zwischen all den Zeilen ruft es laut hervor: Da müssen wir hin, wir aus dem Westen, wir zivilisierten Mächte müssen die Zivilbevölkerung retten. Schaut euch die Erfolge in Afghanistan, im Irak und in Libyen an – die brauchen uns.
Man kann fast vorhersehen, dass die Intervention bald startet – wir werden doch so gut darauf vorbereitet. Von den guten Medien, von BILD, FAZ, ZEIT und Tagesschau. Bis wir am Ende, wie Schafe nicken, Jo mei, des muss halt sei – wenn´s dia net allein packe.
Im aktuellen HINTERGRUND (3/12) findet sich eine Medienanalyse zur Syrienberichterstattung von Dr. Kurt Gritsch. Er hat die Meldungen aus ZEIT, FAZ und Tagesschau im April 2012 untersucht und erschreckende, ja fast ekelhafte, Erkenntnisse gewinnen können. Erkenntnisse, die mir unterbewusst klar waren, nun belegt für mich unglaublich sind. Fazit: Klar werden wir von den Medien gelenkt.
Gritsch beschreibt kurz die Möglichkeiten ausländischer Journalisten in Syrien. Zwar bekommen nicht alle ein Visum, dennoch haben sie die Möglichkeit nach Syrien zu telefonieren und mit Intellektuellen zu sprechen. Nur – dies tut keiner. Die befragten Quellen sind fast immer westliche Nachrichtenagenturen, zitiert werden fast ausschließlich Oppositionelle. Damit sind die meisten Artikel z.B. der FAZ nicht einem journalistischen Mindeststandard entsprechend – es gibt keine zweite Quelle. Auch die ZEIT berichtet „Assad-kritisch und NATO-freundlich“ – die ZEIT, das liberale Wochenblatt. Und auch die Tagesschau schließt sich an, in dem sie das syrische Staatsfernsehen sehr kritisch beäugt, Amateuraufnahmen von Oppositionellen, zwar konjunktiviert anbringt, aber kaum kritisiert. Wo sind die Journalisten hin?
Wenn der Autor des zu Beginn erwähnten ZEIT-Artikels im Untertitel zwischen seine Anführungszeichen die „großen Freiheiten Syriens“ setzt, dann möchte ich ihm antworten: Vielen Dank für diesen „neutralen und ausgewogenen“ Artikel. Und dann möchte ich noch schnell meine Mama grüßen.


